Dunkles Serum

Anthony

Bei Einbruch der Dämmerung machte Anthony Merelei sich auf den Weg. Alle fünf Minuten drehte er sich um und stellte sicher, dass ihm niemand folgte. Dieser Auftrag war groß und er brauchte das Geld. Das Anwesen stach hervor wie eine schwarze Rose, deren Samen sich in einem Beet voller Unkraut verirrt hatten. Es war das einzige Gebäude, das nicht Gefahr lief, bei einem Sturm davongetragen zu werden. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, als Untergrad Arketagrad geheißen hatte und das schönste und reichste Viertel von Nymeris gewesen war. Damals hatte es noch Dschinn in Alanien gegeben. Vielleicht hatte sogar einer von ihnen dieses Anwesen errichtet. Die toskischen Runen, die an der Fassade eingraviert waren, sprachen jedenfalls dafür.

Anthony griff in seinen Rucksack und tastete nach den Leuchtkugeln und dem Brecheisen. Alles noch da. Gut so. Er näherte sich dem Anwesen. Ein meterhoher Zaun trennte es von der Außenwelt.

Kurt hatte ihm versichert, dass der Besitzer die meiste Zeit in seiner Villa, in Egivo, verbrachte und das Haus nur als Lagerraum verwendete.

Wer Geld und etwas Restverstand hat, bricht aus diesem Drecksloch aus, hatte Kurt gesagt.

Wenn das nur so einfach wäre. Anthony zählte sich durchaus zu denjenigen, die mit einem scharfen Verstand gesegnet waren. Doch er war ein Lasier. Und die hatten es nicht leicht in Alanien. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um über seine jämmerliche Position in der Gesellschaft nachzudenken. Es gab Arbeit zu erledigen.

Anthony schlich um das Grundstück herum.

Vor einem Tor, welches das Anwesen von der Außenwelt trennte, entdeckte er zwei Wachen. Wie Statuen standen sie links und rechts davor. In ihren Gürteln war jeweils eine Pistole verstaut, jederzeit griffbereit. Der Linke hatte eine riesige Narbe, die sich über sein gesamtes Gesicht zog und ihm einen grimmigen Ausdruck verlieh. Sein Kollege sah nicht weniger Furcht einflößend aus. Er war von oben bis unten mit Symbolen tätowiert, die Anthony an die Markierungen eines Kannibalenstamms aus Te’Lasia erinnerten.

Wenn du diese Zeichen siehst, renn um dein Leben, hatte seine Mutter zu sagen gepflegt.

Doch diesmal konnte er nicht weglaufen. Er versteckte sich hinter den Überresten einer alten Steinmauer, von der aus er das Tor und die Wachen gut im Blick hatte. 

Beide waren muskelbepackt und mindestens drei Köpfe größer als er. Eine direkte Konfrontation war keine gute Idee, wenn er nicht zu Kleinholz verarbeitet werden wollte.

Anthony sah genauer hin.

Narbengesicht trug eine Halskette. Daran baumelte ein Schlüssel. Sie hatten also Zugang zum Herrenhaus.

Anthonys Blick glitt zum Zaun. Über die Lattenspitzen zog sich ein Stacheldraht. Dieser war zwar nur dürftig angebracht, aber trotzdem stellte er ein Hindernis da. Über den Zaun zu klettern, war also keine Lösung.

Er musste es schaffen, durch das Tor zu kommen. Es war ungefähr so hoch wie der Zaun und bestand aus Eisenstangen. Zwischen diesen befand sich jeweils ein Spalt, der selbst für jemanden wie Anthony zu schmal war. Sich durch das Tor zu quetschen, fiel also auch raus.

Also würde er das tun müssen, was er hatte vermeiden wollen. Doch er hatte keine Wahl.

Er schloss die Augen und atmete tief durch. Das Gefühl von tausenden Ameisen, die über seinen Körper krabbelten, breitete sich in ihm aus. Nachdem er die Augen geöffnet hatte, hob er die Hand und hielt sie sich vors Gesicht, um sicherzugehen.

Nichts.

Perfekt.

Vorsichtig trat er hinter der Steinmauer hervor. Mit jeder Bewegung verstärkte sich das Kribbeln und sein Kopf hämmerte. Er fixierte einen der penibel zugeschnittenen Büsche, die ordentlich aneinandergereiht waren wie Soldaten vor einem Feldzug.

Die Wachen starrten weiterhin geradeaus.

Zitternd griff Anthony in seine Tasche und holte eine Leuchtkugel hervor. Sein Herz klopfte so heftig, dass er Angst hatte, Narbengesicht und Kannibalentattoo könnten es hören. Er umklammerte die Kugel, die in etwa so groß war wie ein Apfel und näherte sich dem Tor. Als er nah genug war, warf er die Leuchtkugel durch die Gitterstäbe. Dann wich er zurück und presste die Hände gegen die Ohren.

Keine zehn Sekunden später zerriss ein Knall die Ruhe. Eine Stichflamme loderte auf und steckte einen der Büsche in Brand.

Die Wachen fuhren gleichzeitig herum.

»Scheiße!«, keuchte Narbengesicht. »Was war das?«

»Wir müssen das löschen, sonst bringt uns der Chef um!«

Narbengesicht fummelte an seinem Schlüssel. Er zitterte so stark, dass er drei Anläufe brauchte, bis er ihn in das Schloss gesteckt hatte und das Tor aufsperrte.

Amateure, dachte Anthony und lächelte. Kaum dass sie das Tor geöffnet hatten, sprintete er an ihnen vorbei durch den penibel gepflegten Garten und lief hinter das Herrenhaus.

Sein Herz raste. Was, wenn sich hier noch mehr Wachen tummelten? Er konnte nicht ewig unsichtbar bleiben und die Leuchtkugeln wollte er für den absoluten Notfall aufheben, also tastete er nach dem Brecheisen.

Er schlich weiter. Seine Kopfschmerzen verstärkten sich. Plötzlich vernahm er ein Rascheln. Alarmiert fuhr er herum, doch es war nur ein Igel, der sich in der Hecke verirrt hatte.

Anthony atmete tief durch. Als sich sein Puls etwas beruhigt hatte, entdeckte er ein zersprungenes Fenster. Er sah sich noch mal um, um sicherzustellen, dass hier auch wirklich keine weiteren Wachen herumliefen. Dann hob er das Brecheisen an und gab dem Fenster den Rest. Schnell kletterte er durch das zerbrochene Fenster und landete in einem dunklen Flur. Seine Kopfschmerzen waren inzwischen unerträglich geworden. Er hastete um die Ecke und sank erschöpft zu Boden.

Das Kribbeln ließ nach. Stattdessen spürte er ein Brennen in der linken Hand. Blut tropfte auf seine Hose. Fluchend riss er ein Stück von seiner Jacke ab und presste es gegen die Wunde.

Er blieb ein paar Minuten lang sitzen und sammelte seine Kräfte. Ihm war schwindlig. Und speiübel.

Wenn er hier wieder herauskommen wollte, musste er sich etwas anderes überlegen. Er hob den Kopf und schaute sich um.

Der rote Teppich war mit riesigen dunklen Flecken überzogen und an den Wänden klebte Schimmel. Kein Wunder, dass dieser Graf Sowieso sich nach Egivo abgesetzt hatte.

Im Inneren sah das Herrenhaus genauso aus wie der Rest von Untergrad. Kaum zu glauben, dass hier irgendetwas von Wert sein sollte.

Anthony richtete sich auf und stapfte durch die einzelnen Räume. Er hielt Ausschau nach einer Vitrine, denn laut Kurt war der Schatz in einer solchen verstaut.

Die meisten Möbel waren mit einem Leinentuch zugedeckt und es roch modrig.

Er hob eines der Tücher an und verzog das Gesicht.

Das Holz der Kommode war übersät von winzigen Löchern, aus denen Termiten krabbelten. Der einzige nicht verhüllte Gegenstand war ein Säbel, der über etwas hing, das wie ein Kamin aussah.

Anthony stellte sich auf die Zehenspitzen und nahm ihn ab. Er musterte die Waffe.

An einigen Stellen zeichnete sich Rost ab. Wahrscheinlich ein billiges Exemplar vom Schwarzmarkt.

Dennoch steckte er den Säbel in seinen Gürtel. Waffen waren in Untergrad immer von Nutzen. Er ging weiter. Schließlich entdeckte er eine Tür. Sie wurde von einer Steinmauer verdeckt, weshalb er sie beinahe übersehen hätte. Er betätigte den Knauf.

Sie war verschlossen.

Anthony zog sein Brecheisen hervor und bearbeitete damit die Tür.

Es dauerte ein paar Minuten, dann sprang sie auf.

Vor ihm offenbarte sich ein fensterloser Raum. Er war bis auf eine Vitrine in der Mitte leer. Sein Herz machte einen Satz.

Anthony trat näher.

Auf einem roten Samtkissen lagen ein Ring, ein Amulett mit einem Rubin und ein Buch, dessen Seiten gelblich glänzten.

Laut Kurt hatten die Gegenstände einer Prinzessin aus dem Wüstenstaat Cordalis gehört.

Anthony schlug die Vitrine ein. Scherben klirrten. Er griff nach dem Amulett. Das Gold wog schwer in seiner Hand. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Das allein würde ein Vermögen einbringen.

»Leg das sofort wieder zurück, Junge!«

Anthony fuhr herum.

Vor ihm stand der Kerl mit dem Kannibalentattoo. Er griff nach seiner Pistole und richtete sie auf ihn. »Ich wusste sofort, dass hier etwas faul ist. Ihr Lasier seid eine Plage.«

Anthony legte das Amulett zurück in die Vitrine und hob die Hände. »Hübsche Juwelen habt ihr hier. Aus Cordalis, oder?«

Kannibalentattoo schnaubte. »Halt die Klappe! Ich sorge dafür, dass du vor Gericht landest. Dann schicken sie dich dorthin zurück, wo du hergekommen bist!«

Anthony trat einen Schritt zurück. »Das geht leider nicht. Ich hab hier noch etwas zu erledigen.« Er griff nach einer Leuchtkugel und schleuderte sie dem Hünen entgegen.

Ein Schuss löste sich aus der Pistole und prallte gegen die Kugel.

Ein Funkenregen prasselte auf die Vitrine nieder. Das Kissen fing Feuer.

Kannibalentatoo taumelte zurück.

Anthony nutzte die Gelegenheit und floh aus dem Turmzimmer. Er rannte durch das Herrenhaus, umklammerte den Griff des verrosteten Säbels. Jeden Moment rechnete er damit, dass Narbengesicht um die Ecke bog. Er erreichte das Fenster, durch das er hereingekommen war, kletterte hindurch und raste auf das Eingangstor zu.

Es stand noch offen.

Ein Knall ertönte und etwas zischte an seinem Hinterkopf vorbei.

 Narbengesicht tauchte neben ihm auf, die Pistole auf ihn gerichtet.

Anthony griff in seine Tasche und warf die letzte Leuchtkugel nach ihm.

Doch der Wachmann wich aus und das Geschoss explodierte hinter ihm.

Scheiße. Nur noch der Säbel blieb ihm zur Verteidigung.

Narbengesicht holte ihn am Eingangstor ein. Er lächelte und schoss auf ihn.

Anthony hielt den Säbel vor sein Gesicht.

Die Kugel prallte daran ab und traf seinen Gegner an der rechten Schulter.

Narbengesicht schrie auf.

Anthony dachte nicht lange nach. Er hechtete durch das Eingangstor, stolperte den Hügel hinunter und bog um die nächstbeste Hausecke. Eine Weile rannte er durch das Labyrinth aus Gassen, das Untergrad war.

Als ihm die Puste ausging, blieb er stehen und atmete durch. Er musterte den Säbel. Das Ding war an Hässlichkeit nicht zu übertreffen. Und vor allem war es kein Juwel. Seufzend steckte Anthony die Waffe in seinen Rucksack. Er war sich sicher, dass Kurt ihn umbringen würde.

 

»Und? Sind wir jetzt reich?« Kaleb schaute von dem seltsamen Metallkasten auf, an dem er seit Tagen herumschraubte.

Seine neueste Erfindung. Zahlreiche Drähte sprossen daraus hervor. Am Ende sollte das Ding den Abwasch erledigen.

 Anthony verstand nicht besonders viel von Technik. Die Bevölkerung von Te’Lasia bestand hauptsächlich aus Stämmen, die noch nie etwas von einem Telefon oder einem Fernseher gehört hatten. Solche Dinge gab es nur in der Hauptstadt Navis. Dafür war Magie umso weiter verbreitet. Das war einer der Gründe, wieso Lasier in Alanien so sehr geächtet wurden. Kein Wunder, dass so viele von ihnen in Untergrad landeten.

Kaleb dagegen war als Kaldonier schon beinahe ein Exot in diesem Drecksviertel. Er sah aus, als wäre er gerade aufgestanden. Dabei war es beinahe Mittag. Sein maisblondes Haar erinnerte an das Nest einer Krähe. Er trug das ausgefranste Hemd und die graue Arbeitshose seines älteren Bruders, der Fische für das Gasthaus seiner Eltern fing. Seine Kleidung sah zumindest wertvoller aus als Anthonys Ausbeute von heute Morgen.

Er warf den Säbel auf den Tisch.

»Also, wenn das Teil hier nicht zufällig ein Vermögen wert ist, bleiben wir arm.«

Kaleb musterte die Waffe. »Mein Bruder hatte auch so einen. Damit haben wir früher Pirat gespielt.« Er schaute Anthony an. »Was ist mit den Juwelen von der Prinzessin Sowieso?«

»Ich musste fliehen. Die Wachen haben mich erwischt.«

»Dann geh noch mal zurück.«

»Das könnte problematisch werden. Eine der Leuchtkugeln ist direkt auf die Juwelen gefallen. Von denen wird nicht mehr viel übrig sein.«

»Na wunderbar!« Kaleb legte den Schraubenzieher beiseite und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ausschenken in der Lunte wirft nicht gerade ein Vermögen ab. Mein Gehalt ist schon aufgebraucht und der Monat ist noch nicht mal zu Ende. Und dann kommst du mir mit einem Säbel. Ist dir klar, dass wir ziemlich in der Scheiße sitzen?«

»Du bist wütend.«

Kaleb verschränkte die Hände hinter dem Kopf und schaute an die Decke. »Ich bin realistisch. Wenn wir unsere Schulden nicht bezahlen, landen wir auf der Straße.«

Anthony seufzte. »Ich weiß, es ist viel verlangt, aber kannst du deine Familie nicht um Geld bitten?«

»Kommt nicht infrage«, sagte Kaleb scharf. »Darf ich dich daran erinnern, dass unsere horrenden Schulden auf deine Kappe gehen? Ich hab zumindest nicht mit einer Verrückten gevögelt, die unsere halbe Wohnung abgefackelt hat.«

»Das war ein Versehen. Rowena hat sich bereits dafür entschuldigt.«

»Von einer Entschuldigung kann man aber kein Essen kaufen und keine Rechnungen bezahlen.«

Anthony schwieg eine Weile. Er hasste die Diskussionen über Geld. Am liebsten wollte er sich in seinem Zimmer verkriechen und keinen Gedanken mehr daran verschwenden. Er wusste, dass er sich diesen Problemen stellen musste, doch jetzt hatte er keine Lust darauf. Das Scheitern seiner Mission war schon frustrierend genug. Kurzerhand beschloss er, zu dem einzigen Menschen zu gehen, der es stets schaffte, ein Lächeln in sein Gesicht zu zaubern. Egal wie schlecht gelaunt er war.

»Ich schau mal nach Alyssa.« Er drehte Kaleb den Rücken zu und ging den winzigen Flur entlang.

Die Farbe an den Wänden blätterte bereits ab und die Brandspuren, die Rowenas Räucherkerzen hinterlassen hatten, waren noch sichtbar. Glücklicherweise war das Feuer nur bis hierhin vorgedrungen, sodass lediglich die Möbel im Wohnzimmer hatten dran glauben müssen. Doch solche Dinge waren ersetzbar. Sofas und Tische konnte man vom Sperrmüll in Ergazograd klauen. Das Wichtigste war, dass die Flammen Alyssas Zimmer nicht erreicht hatten.

Anthony klopfte an die Tür am Ende des Flurs.

»Wer ist da?«, ertönte eine helle Stimme.

»Ich bin’s.«

Alyssa öffnete die Tür. Ihre Augen leuchteten.

»Papa!«, sagte sie fröhlich und umarmte ihn. »Du bist wieder zurück.«

»Ich kann doch meine kleine Prinzessin nicht enttäuschen.« Er zwinkerte ihr zu. »Was machst du gerade?«

Sie zog ihn in ihr Zimmer.

Er hatte dafür gesorgt, dass es das schönste und größte von allen war. Ihr Bett hatte er für ein Vermögen in Apaschol gekauft und sogar die Wände neu gestrichen.

Auf dem Teppich stand ein riesiger Phönix mit feuerrotem Gefieder und begrüßte ihn mit einem Krächzen.

»Schau, Ramses hat dich auch vermisst.« Sie zeigte auf das Kunstwerk, das sie aus ein paar Bauklötzen und den Büchern errichtet hatte, die Anthony ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. »Das haben er und ich gebaut«, sagte sie stolz.

Anthony setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. »Was ist das denn? Ein Haus?«

»Nein, ein Schloss. So wie die im Vasiliasviertel.«

»Das habt ihr gut gemacht.«

»Wenn ich groß bin, dann will ich auch mal in einem Schloss wohnen«, sagte sie.

Anthony lächelte traurig.

Es war unwahrscheinlich, dass sie jemals aus diesem Loch herauskommen würde. Untergrad war das Viertel der Vergessenen und der Verbrecher. Anthony wollte in einen anderen Stadtteil ziehen, wo man nicht jeden Moment damit rechnen musste, überfallen zu werden, doch dafür fehlte das Geld. Er wünschte sich eine bessere Zukunft für seine Tochter. Vielleicht schaffte sie es sogar in ein Viertel wie Apaschol. Wenn sie Glück hatte.

Alyssa strich Ramses über das Gefieder. Der Phönix war beinahe so groß wie sie.

Anthony schaute sie liebevoll an. »Hast du heute fleißig deine Bücher gelesen?« 

»Das mit der Waldhexe und das mit dem Schneemonster«, sagte Alyssa.

»Haben dir die Geschichten gefallen?«

Sie nickte. »Ja, aber bei der Waldhexe habe ich nicht alle Zeichen gewusst.«

Anthony lächelte. Er achtete darauf, dass sie sowohl Alanisch als auch Lasisch beherrschte. Beide Sprachen beherrschte sie fließend. Nur mit den lasischen Zeichen, die keiner Regel zu folgen schienen, hatte sie noch Probleme.

»Ich erkläre sie dir nach dem Mittagessen noch mal, in Ordnung?«

»Okay.«

Ramses öffnete den Schnabel und stieß ein Krächzen aus.

»Er hat Hunger«, murmelte Alyssa. »Darf ich ihm etwas geben?«

»Natürlich.«

Sie gingen zusammen in die Küche, wo Kaleb sich noch immer seinem Kasten widmete.

»Verdammt!«, fluchte er und schleuderte seinen Schraubenzieher in die Ecke. »Jetzt geht gar nichts mehr!«

»So schlimm kann’s doch nicht sein«, sagte Anthony. Er schlurfte zum Kühlschrank, holte ein Stück rohes Fleisch heraus und reichte es Alyssa. »Sei aber vorsichtig.«

Alyssa griff nach dem Fleisch und hielt es Ramses vor den Schnabel.

Der Phönix schnappte danach und schluckte es im Ganzen hinunter.

Alyssa kicherte. »Sei nicht so gierig.

Ramses trat auf die Kleine zu und schmiegte sich an sie.

»Hab dich auch lieb«, murmelte sie.

»Ich geb’s auf.« Kaleb verpasste der Kiste einen Faustschlag. »Haben wir noch was zu essen? Ich hab Kohldampf.«

Anthony warf einen weiteren Blick in den Kühlschrank.

In der Ecke fand er ein Stück Käse und zwei Becher Joghurt, die erst seit zwei Tagen abgelaufen waren. Er nahm die Sachen hervor und stellte sie auf den Tisch. »Ich fürchte, das ist alles.«

Kaleb schnaubte. »Ihr musstet das letzte Stück Fleisch ja unbedingt dem Vogel geben.«

Ramses krächzte beleidigt und funkelte Kaleb an.

»Wir müssen eben wieder einkaufen gehen«, sagte Anthony.

»Und mit welchem Geld, wenn ich fragen darf?«

Anthony kniete sich neben Alyssa und legte die Hände auf ihre Schultern. »Würdest du Ramses bitte in sein Kämmerchen bringen, Liebling?«

Seine Tochter schaute ihn unsicher an. »Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Doch, natürlich. Es ist alles okay.« Anthony lächelte. »Ramses wird doch nach dem Essen immer so müde.«

Alyssa nickte. »Ja, stimmt. Komm mit, Ramses.«

Zusammen mit dem Phönix tapste sie aus der Küche zu der Kammer am Ende des Flurs, in der das Tier die meiste Zeit verbrachte.

Anthony wartete, bis sie darin verschwunden war, dann drehte er sich zu Kaleb um. »Du weißt genau, dass ich es nicht mag, wenn du unsere Probleme vor ihr ansprichst.«

Kaleb seufzte. »Du kannst nicht alles vor ihr verbergen, Tony. Wir stecken nun mal in der Tinte.«

»Sie ist fünf Jahre alt! Das Mädchen soll spielen und nicht mit irgendwelchen Geldsorgen konfrontiert werden.«

»Hab’s verstanden.« Kaleb verdrehte die Augen. »Aber Alys hin oder her, Fakt ist, wir sind pleite.«

Anthony konnte es nicht leiden, wenn sein Freund recht hatte. Und das hatte er meistens.

Kaleb dachte stets rational und analysierte jedes Problem. Selbst nach fünf Jahren war es Anthony noch immer ein Rätsel, wie so jemand in einem Lumpenviertel wie Untergrad hatte landen können. Zumal seine Familie in Kaldon nicht gerade arm war.

Kaleb stand auf und trat an die Spüle. »Vorhin ist mir übrigens noch etwas aufgefallen.«

»Was Gutes oder was Schlechtes?«, fragte Anthony, obwohl er die Antwort bereits kannte.

Kaleb drehte den Wasserhahn auf. Ein paar jämmerliche Tropfen platschten in die Spüle. »Wir haben unsere Wasserrechnung nicht bezahlt.«

Anthony seufzte. »Ich geh gleich morgen früh zu Kurt.«

Will

Will Vespertilio verzog das Gesicht, als er das Schlafzimmer betrat, denn es roch nach Verwesung.

Draußen versammelten sich bereits Journalisten. Manche von ihnen hatten es geschafft, die Mauer des Anwesens zu überwinden, und klebten nun wie Schmeißfliegen an den teuren Maßwerkfenstern.

Damit er sich in Ruhe um die Leiche kümmern konnte, hatte Will ein paar Leute von der Spurensicherung hinausgeschickt, um sie abzuwimmeln. Widerwillig trat er an den leblosen Körper heran.

Es handelte sich um Eric Sana, den 53-jährigen Finanzminister, ein Mitglied der sieben wichtigsten Adelsfamilien von Nymeris. Er war bekannt für seine Gier. Sowohl nach Frauen als auch nach Macht.

Will musterte seine Wunden.

Das Blut war bereits getrocknet, die Eingeweide hingen aus dem aufgeschlitzten Bauch heraus, der linke Augapfel fehlte und hinterließ ein klaffendes Loch.

Das Verstörendste jedoch war das Symbol auf seinem Brustkorb, auf der Höhe des Herzens. Ein Halbmond, der von einem Haken durchbohrt wurde. Will hatte so etwas noch nie zuvor gesehen.

Er wandte sich ab, verließ das Schlafzimmer und ging zu Mikosch.

Jener stand mit kreidebleichem Gesicht über das Spülbecken gebeugt. Der Arme war erst seit ein paar Wochen bei der Kriminaleinheit für spezielle Verbrechen.

»Hast du auf dem Revier angerufen?«

Mikosch blinzelte Will an. »Ja. Sie machen sich sofort auf die Suche nach Magritta.«

»Gut. Halt mich auf dem Laufenden.« Will wandte sich von seinem Kollegen ab und sortierte gedanklich die bisherigen Informationen.

Magritta war Eric Sanas Ehefrau. Die fünfte in seiner Sammlung, ein blutjunges Ding von gerade mal zweiundzwanzig Jahren. Er überlegte, ob ihr ein Mord zuzutrauen war. Eric Sana war nicht unbedingt für seine Treue bekannt und ihre Abwesenheit war ein Indiz.

Wills Magen grummelte. Meistens war es ein Zeichen dafür, dass er auf dem Holzweg war. Im Laufe seiner Karriere hatte er eine Art vernebelte Hellsichtigkeit entwickelt, ein Gespür für die Wahrheit.

Er schlenderte noch mal in das Schlafzimmer zurück und wandte sich an Luc, der die Spurensicherung leitete. »Gab es bisher Auffälligkeiten?«, fragte er.

Luc runzelte die Stirn. »Meine Kollegen und ich gehen davon aus, dass er vor zwei oder drei Tagen mit einem Messer getötet wurde. Und den Wunden nach zu urteilen, wusste der Täter, wo er zustechen musste.«

»Was ist mit dem Symbol?«

»Keine Ahnung. Niemand von uns hat es je zuvor gesehen.«

»Habt ihr die Tatwaffe gefunden?«

Luc schüttelte den Kopf. »Ein paar von uns sind dabei, das Haus zu durchsuchen. Aber bis jetzt hat keines der Messer hier gepasst. Weder die in der Küche noch die in seiner Waffenkammer.«

Will nickte.

Er dachte an Magritta. Sie war die Tochter eines niederen Adligen aus Egivo und studierte Wirtschaft an der FLU – der Frederick-Lavin-Universität. Kein Studiengang, in dem man ein breites Wissen über den menschlichen Körper erlangte. Doch womöglich beschäftigte sie sich privat damit.

Das Gefühl in seiner Magengegend meldete sich wieder zu Wort. Laut Luc lag Eric Sana schon zwei oder drei Tage so da. Der Mord war also am Freitag oder Samstag geschehen.

Es war ein offenes Geheimnis, dass Sana fast jedes Wochenende in dubiosen Clubs in Ergazol und Untergrad verkehrte. Natürlich nicht unter seinem richtigen Namen. So etwas hätte ein schlechtes Licht auf die Sana-Familie geworfen. Dadurch war seine Abwesenheit nicht aufgefallen, was dem Täter genug Zeit gegeben hatte, um wichtige Spuren zu verwischen.

Will seufzte. Eric hatte viele Feinde, doch ein angesehenes Mitglied der Sanas umzubringen, das würde niemand wagen, nur weil die Ehefrau eine Affäre mit ihm gehabt hatte oder man um ein paar Taler betrogen worden war. Auf das Töten der Herrscherfamilien stand die Todesstrafe, und zwar egal, ob es sich um Notwehr oder einen gezielten Mord handelte. Die sieben Familien waren heilig.

Was, wenn der Täter auf einen Kick aus gewesen war, der seine kranken Triebe befriedigte?

Wills Magen grummelte.

»Vielleicht sollten Sie etwas essen«, meinte Luc.

Zwar hatte Will nicht den geringsten Hunger, doch er hatte auch keine Lust, länger als nötig in diesem stinkenden Schlafzimmer zu bleiben. Also beschloss er, die Chance zu nutzen. »Falls ihr noch wichtige Hinweise findet, sagt mir Bescheid. Ihr wisst, wie ihr mich erreicht.« Er ging zu Mikosch, der von einem Journalisten bedrängt wurde.

»Ich bitte Sie, nur diese eine Frage.«

Will räusperte sich.

Der Journalist drehte sich um. »Will Vespertilio, wie gut, dass Sie da sind. Würden Sie sich für ein Interview zur Verfügung stellen?«

»Verschwinden Sie!«

»Ich möchte nur Ihre Meinung wissen. Was glauben Sie, welche Rolle Magritta Sana spielt?«

Will trat näher an ihn heran. »Wenn Sie sich nicht sofort von diesem Grundstück entfernen, verhafte ich Sie wegen Behinderung der Ermittlungen.«

Der Journalist biss sich auf die Lippe. Schließlich gab er nach und verzog sich.

»Danke«, sagte Mikosch. »Der wollte mich einfach nicht in Ruhe lassen.«

»Nichts zu danken«, erwiderte Will. »Was hältst du davon, wenn ich dir erst einmal einen Kaffee ausgebe?«

 

Mikoschs Hände zitterten immer noch, als sie den Kaffeebecher umschlossen.

Sie saßen in einem Café in der Sanagasse. Die meisten Straßen im Vasiliasviertel waren nach den sieben Familien benannt worden. An Eitelkeit waren sie nicht zu übertreffen.

»Vielleicht hätte ich doch bei der Stadtwache bleiben sollen«, sagte Mikosch.

»Es ist normal, dass einen so etwas aufwühlt.«

»Du wirkst aber nicht aufgewühlt.«

Will nippte an seinem Kaffee und beobachtete die vorbeihastenden Menschen. Die meisten von ihnen waren mit Anzug und Koffer auf dem Weg zu einem Job ohne Mord und Totschlag. »Das wird eine komplizierte Sache«, sagte er.

Mikosch nickte. »Ich frage mich, was mit Magritta passiert ist. Vielleicht haben die Kerle sie entführt.«

»Möglich«, murmelte Will.

Der Fall bereitete ihm durchaus Sorgen, auch wenn sein Kollege das nicht bemerkte.

Theo Lavin würde gar nicht begeistert sein. Und der arme Kantas sollte in diesem Moment eigentlich auf der Colora-Insel sitzen und sich die Sonne auf den alten Bauch scheinen lassen. Zumindest hatte er das getan, bevor Lavin ihn aus dem Ruhestand zurückgeholt hatte.

Gerade da Will einen weiteren Schluck trinken wollte, schlug Mikosch mit der Faust auf den Tisch.

»Was ist, wenn Magritta selbst die Täterin ist?« Er sah ihn mit aufgerissenen Augen an wie ein kleiner Junge, der bei einer Schnitzeljagd unbedingt den nächsten Hinweis aus seinen Eltern herausquetschen wollte.

»Das bezweifle ich«, murmelte Will.

»Warum? Meistens kommen die Täter doch aus dem nächsten Umfeld.«

»Ich habe so ein Gefühl.«

Mikoschs Augen wurden glasig. »Ich werde nie verstehen, warum junge hübsche Mädchen sich solch alte Säcke suchen. Der Kerl hätte locker ihr Vater sein können.«

»Es gibt viele Gründe. Geld. Macht. Vielleicht sogar Liebe.«

»Ich wünschte, ich hätte auch so ein Glück bei Frauen wie dieser Sana«, murmelte Mikosch. Er trank einen Schluck von seinem Kaffee und erzählte von einer Alina, mit der er sich gelegentlich traf und die schrecklich kompliziert war.

Will hörte nur mit halbem Ohr zu. Seine Gedanken glitten zu Sanas Wunden, speziell zu dem Symbol auf seiner Brust. War das eine Art Unterschrift? Und welche Rolle spielte Magritta? Die Fragen bereiteten ihm Kopfschmerzen. Er beschloss, sich später damit zu beschäftigen.

»Aber eine Wahnsinnsfrau«, sagte Mikosch.

Dass Will kaum etwas von dem Monolog mitbekommen hatte, schien seinen Kollegen nicht zu interessieren. Mikosch bedankte sich für den Kaffee und die beiden kehrten aufs Revier zurück.

Cassie

Cassandra Lavin steckte sich die Haare hoch.

Onkel Theo und Tante Elina hatten zum Essen geladen. Welch eine Ehre!

Sie atmete tief durch, spritzte sich Wasser ins Gesicht und übte das perfekte Lächeln. Vergebens.

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Am liebsten hätte sie gegen den Spiegel geschlagen, alleine schon, um ihrer Tante eins auszuwischen. Das Ding war eines von Elinas Herzensstücken, ein teures Unikat aus dem Süden Alaniens.

Du kannst froh sein, dass du dich überhaupt davorstellen darfst, hörte sie die Stimme ihres Onkels in ihrem Hinterkopf.

Sie schloss die Augen. So schön es auch wäre, das verdammte Ding zu zerdeppern, es würde nichts bringen. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um in Selbstmitleid zu versinken.

Cassie öffnete die Augen wieder und warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor sechs und ihre Frisur immer noch nicht fertig. Sie löste die Haarspange, sodass ihre Haare auf die Schultern fielen. Scheiß drauf!

Wenige Sekunden später rannte sie schon nach unten.

Der Speisesaal lag im Erdgeschoss. Ihre Gemächer dagegen befanden sich ganz oben unter der Dachschräge. Nicht gerade vorteilhaft, wenn man ohnehin schon zu spät dran war. Bis jetzt war niemand auf die Idee gekommen, einen Aufzug in das alte Anwesen einzubauen. Und das bei sieben Stockwerken!

 Kurz nach sechs trat Cassie in den Speisesaal. Theo, Elina und Gabriella saßen am Tisch. Irgendein bescheuerter Vorfahre hatte die grandiose Idee gehabt, einen gewaltigen Kronleuchter als einzige Lichtquelle einbauen und das Fenster mit nutzlosen Mosaikmustern verzieren zu lassen. In Kombination mit den finsteren Mahagonimöbeln und den abfälligen Blicken ihrer Verwandten löste das in Cassie jedes Mal den Eindruck aus, sie bekäme hier ihr letztes Abendmahl, bevor sie dem Henker vorgeführt werden würde.

Gabriella bedachte Cassie mit einem spöttischen Blick. Ihre perfekt geschminkten Lippen kräuselten sich zu einem Schmunzeln. Im Gegensatz zu Cassies Mähne waren die langen blonden Haare ihrer Cousine sorgfältig in einem Pferdeschwanz verstaut.

»Du bist zu spät«, knurrte Theo.

Cassie murmelte eine Entschuldigung und setzte sich neben Gabriella.

Ihre Tante räusperte sich. »Tut mir leid, Liebes, da kannst du nicht sitzen. Der Platz ist für deinen Cousin reserviert.«

Cassie hob die Augenbrauen und rutschte weiter nach links.

Fünf Minuten später kam Tristan hereingestampft und ließ sich auf den Stuhl zwischen den beiden Mädchen plumpsen.

Er war der perfekte Beweis dafür, dass es keine gute Idee war, seine Cousine ersten Grades zu heiraten. Im Gegensatz zu seiner Schwester hatte Tristan all die schlechten Gene abbekommen, die die Lavin-Familie zu bieten hatte. Er war übergewichtig, sein Kinn stand hervor und mit seinen siebzehn Jahren zeigte er schon Anzeichen einer Glatze. Die jüngere Version von Onkel Theo. Aber immerhin hatte jener mehr Haare auf dem Kopf.

Mit seinen Wurstfingern griff Tristan nach dem Besteck. »Ich hab Kohldampf! Wann gibt’s endlich was zu essen?«

»Sofort, mein Liebling«, sagte Elina. »Die Köche sind heute wieder mal schrecklich langsam.«

»Wir sollten andere einstellen.« Tristan verschränkte die Arme vor der Brust.

Cassie lehnte sich zurück. Sie hatte gelernt, so etwas nicht zu kommentieren. Der Herr im Haus und dessen Kinder hatten immer recht.

Wenige Minuten später kam der Butler mit einem Tablett hereinspaziert. Der Duft des Bratens erfüllte den Raum.

Erst in diesem Moment bemerkte Cassie, wie hungrig sie war.

Mit einer eleganten Handbewegung stellte der Butler das Gericht auf den Tisch. »Darf ich präsentieren? Rind aus den Bergen von Meris, dazu Kartoffelschnitten mit Rosmarin und Bratensoße.«

»Das hat aber lange gedauert«, bemerkte Onkel Theo.

Der Butler verbeugte sich leicht. »Ich bitte um Verzeihung, Eure Durchlaucht, wir hatten bis vorhin keine Kartoffeln.«

»Ich finde, es sieht fantastisch aus«, sagte Cassie und lächelte ihn an.

Er zwinkerte ihr zu. »Vielen Dank, junge Dame. Ich hoffe, es schmeckt Euch.«

Onkel Theo warf ihr einen finsteren Blick zu. »Das nächste Mal besorgst du die Kartoffeln gefälligst rechtzeitig«, sagte er zu dem Butler. »Jetzt lass uns in Ruhe essen.«

Der Butler verbeugte sich abermals. »Selbstverständlich, Eure Durchlaucht.« Er verließ den Speisesaal.

Armer Kerl, dachte Cassie.

Sie konnte den Butler gut leiden. Theo hatte ihn erst vor ein paar Wochen eingestellt, nachdem der alte Fritz eine Anstellung bei den Asters gefunden hatte. Zwar zahlten sie schlechter, aber wenigstens beschwerten sie sich nicht wegen jeder Kleinigkeit. Erstaunlich fand Cassie, dass Fritz es ganze zehn Jahre hier ausgehalten hatte. Doch bis zu der Sache mit Charlott hatte Theo nicht so viel zu sagen gehabt. Danach war nicht nur ihr das Leben erschwert worden, sondern auch den Dienern.

Cassie wartete, bis der Rest ihrer Familie sich an dem Essen bedient hatte, dann griff auch sie zu. Schweigend aß sie den Braten. Er schmeckte fantastisch.

Schließlich legte Onkel Theo die Gabel beiseite. »Ich habe gute Neuigkeiten für euch. Tom Aster veranstaltet dieses Jahr den Vasiliasball und die Lavin-Familie ist selbstverständlich eingeladen.«

Cassie musste sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen.

Der Ball fand alle zwei Jahre statt und wurde vom Präsidenten veranstaltet, den die sieben Familien als Aushängeschild auserkoren hatten. Die Lavin-Familie hatte bei der Ernennung stets das letzte Wort. Es spielte allerdings keine Rolle, wer Präsident war. Der Vasiliasball war die einzige Angelegenheit, bei welcher er etwas entscheiden konnte. Zum Beispiel, was beim Buffet auf den Tisch kam und welches Papier für die Einladungen verwendet werden sollte. Welche Namen darauf standen, konnte er nur bedingt entscheiden. In der Regel waren das nur die reichsten und wichtigsten Leute von Nymeris.

 »Wir dürfen wirklich mitkommen?« Gabriellas aufgeregte Piepsstimme riss Cassie aus ihren Gedanken.

Onkel Theo nickte. »Allerdings.« Feierlich zog er einen Umschlag hervor, der das Siegel der Asters trug. Er öffnete ihn und las vor: »Auch dieses Jahr findet wieder der Vasiliasball statt. Es ist mir eine Ehre, die Lavin-Familie am 15. Oktober in der Vasiliashalle begrüßen zu dürfen.« Onkel Theo nahm vier Dokumente aus dem Umschlag heraus, perlweißes Papier mit einem vergoldeten Rahmen. Er reichte je eins an Elina, Gabriella und Tristan.

Ihre Tante warf Cassie einen spöttischen Blick zu. »Deine Einladung müssen sie wohl vergessen haben, Herzchen.«

Alleine schon für die Tatsache, dass Elina sie Herzchen nannte, hätte Cassie ihr am liebsten eine Gabel in die Hand gerammt. Stattdessen lächelte sie nur. »Nicht so schlimm.«

»Ich habe mit Tom geredet und wir sind beide zu dem Schluss gekommen, dass deine Anwesenheit ein schlechtes Licht auf die Lavin-Familie werfen würde«, sagte Onkel Theo.

»Du würdest mit deinem Grusel-Aufzug sowieso nicht hineinpassen«, fügte Gabriella hinzu. »Ich werde dir natürlich jedes Detail erzählen.«

»Da freu ich mich jetzt schon drauf«, brummte Cassie und stand auf. »Würdet ihr mich entschuldigen? Ich gehe nach oben. Gute Nacht!« Ohne Onkel Theos Erlaubnis abzuwarten, verließ sie den Speisesaal und stapfte hinauf in ihre Gemächer.

Offenbar hatte sie nur an dem Abendessen teilnehmen müssen, um zu erfahren, dass alle zu diesem bescheuerten Vasiliasball eingeladen waren. Alle außer sie.

Cassie steuerte auf das Zimmer zu, das sie extra für Situationen wie diese eingerichtet hatte.

Es war bis auf eine Vogelscheuche in der Mitte leer.

Sie ging auf die Puppe zu und verpasste ihr einen Faustschlag.

Und dann noch einen.

Und noch einen.

Sie boxte so lange auf das Ding ein, bis die Wut in ihr verraucht war. Dann nahm sie einen tiefen Atemzug und schlurfte in ihr Schlafzimmer.

Morgen ist ein neuer Tag. Neuer Tag, neue Hoffnung.

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