Warum „Dark“ so genial ist

Achtung: Dieser Artikel enthält Spoiler gesamten Serie Dark (Staffel 1-3)

Zeitreisegeschichten sind komplex und es ist beinahe unmöglich, Logikfehler zu vermeiden. Dark bringt dieses Genre auf ein ganz neues Level. Und ja – es handelt sich sogar um eine deutsche Serie. Und sie ist der Wahnsinn. Wirklich.

Das Großvaterparadoxon

Stell dir vor, du reist in die Vergangenheit und tötest deinen Großvater bevor er auf deine Großmutter trifft. Jetzt stehen wir vor einem Problem: Durch den Mord löschst du nämlich deine eigene Existenz aus, wodurch dies allerdings nie passieren kann. Es kommt zu einer Kausalitätsverletzung. Gelöst wird dieser Umstand häufig durch Parallelwelten. Oft sind Zeitreisegeschichten voller Logikfehler und irgendwie fällt mir keine Zeitreise-Geschichte ein, bei der die Auflösung so richtig zufriedenstellend ist – und dann kam Dark.

Was ich an der Serie so toll finde und was du daraus lernen kannst, das verrate ich dir jetzt.

1. Wahnsinnig gutes Storytelling

Der Plot ist komplex, kein Zweifel und es ist auch keine Schande, wenn man die ersten Staffeln zweimal anschauen muss, um wirklich durchzublicken. Mehrere Versionen der Charaktere hüpfen zwischen den Zeiten hin und her. Und dann kommen sie auch noch aus unterschiedlichen Welten.

Und doch macht die Geschichte Sinn.

Als ich mit der Serie angefangen habe, hat es mich ein bisschen an Stranger Things erinnert. Die Handlung spielt in einer Kleinstad, die Atmosphäre ist ähnlich düster und die Geschichte beginnt damit, dass ein Junge verschwindet. Allerdings ist Dark keineswegs die deutsche Version der amerikanischen Serie. Bis auf die düstere Kleinstadt-Atmosphäre haben sie nicht besonders viel gemein. Natürlich gibt es auch ein bisschen 80er-Jahre Nostalgie und auch Parallelwelten spielen eine Rolle. Stranger Things ist zudem noch eine Nuance fantastischer. Beide Serien sind großartig. Es wäre unfair, einen direkten Vergleich anzustellen, da die beiden Geschichten sich komplett voneinander unterscheiden.

Zurück zu Dark: Die Geschichte beginnt relativ normal, später werden immer mehr Dimensionen eingeführt, die Charaktere sind ihre eigenen Vorfahren. Das Großvaterparadoxon zieht sich durch die gesamte Serie. Wir beginnen Stammbäume aufzuzeichnen, um auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, wer mit wem wie verbunden ist. Die Serie macht Spaß. Sie fordert unsere gesamte Aufmerksamkeit. Wer eine solche Geschichte konzipiert, der muss sie jedoch von Anfang bis Ende durchplanen, sonst läuft man Gefahr, selbst durcheinander zu kommen oder sich zu verhaspeln. Bei sehr vielen Geschichten ist es nicht schlimm, wenn man noch nicht weiß, wie sie verlaufen wird. Wenn sich allerdings etwas ereignet, weil etwas Bestimmtes in der Vergangenheit passiert ist, was Auswirkungen darauf hat, dann wird es kompliziert. Das ist auch der Grund, warum durch Prequels Logikfehler oft erst entstehen. Beispielsweise bei Star Wars: Wie kann es sein, dass Leia sich an ihre Mutter erinnert, wo diese doch – wie in die Rache der Sith gezeigt – bei ihrer Geburt stirbt? Im Falle von Star Wars hat man wohl darüber hinweg gesehen, aber gutes Storytelling ist das nicht.

2. Die Charaktere

Zugegeben, die Charaktere sind anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Für ihre große Sympathie würden sie jedenfalls keinen Preis gewinnen – zumindest nicht in der ersten Staffel. Die meisten von ihnen wirken ziemlich auf sich selbst bezogen. Leider ist das nur allzu real. Menschen sind in der Regel ziemlich egoistisch. Manche mehr, manche weniger. Das muss nichts Schlechtes sein, es ist einfach nur menschlich. Der selbstlose Held, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Welt zu retten, weil das halt seine Bestimmung ist, ist eher ein Konstrukt der Fantasie und wenn ich ehrlich bin, auch ein ziemlich langweiliger Charakter. Die Charaktere in Dark wirken anfangs vielleicht unsympathisch, später stellt man aber fest, dass viel mehr hinter ihnen steckt.

Noah macht beispielsweise grauenhafte Sachen, aber aus einem sehr menschlichen Grund. Hannah ist eine sehr irritierende Person, die nicht vor Rache zurückschreckt und doch ist sie einfach nur eine Frau, deren (zugegeben sehr krankhafte) Liebe nicht erwidert wird. Auch die Entwicklung ihres Sohnes Jonas finde ich interessant. Seine Transformation von einem etwas introvertierten Jungen mit durchaus noblen Motiven bis hin zu einem vernarbtem Greis, der sogar seine eigene Mutter umbringt, um seine Ziele zu erreichen.

Der Grund, warum viele Leute anfangs Probleme damit haben, mit den Charakteren zu sympathisieren, liegt darin, dass deren Motivationen erst nach und nach offenbart werden. Sobald man diese kennt, kann man auch das Handeln der Charaktere viel besser nachvollziehen und sich vielleicht auch mit dem ein oder anderen identifizieren. 

Wenn mich jemand fragen würde, wer mein Lieblingscharakter war, dann könnte ich die Frage nicht so pauschal beantworten. Ich fand Claudia und Charlotte ganz cool. Außerdem hat mich Adam fasziniert, was wohl an meiner Vorliebe für gezeichnete Charaktere liegt.

3. Kein Gut vs Böse

Wer ist der Bösewicht von Dark? Anfangs könnte man meinen, es wäre Noah, da er ja die Kinder entführt und getötet hat. Später wird offenbart, dass er dies im Auftrag von Adam getan hat. Ist das also unser Antagonist? Oder ist es doch Claudia oder gar Eva? Oder der Typ, der in der dritten Staffel in drei Versionen auftaucht und auf einer Art Mordmission zu sein scheint? Die Antwort ist: keiner von ihnen. Zwar haben diese Charaktere schreckliche Dinge getan, aber das macht sie nicht automatisch zum ultimativen Bösewicht. Noah will seine geliebte Tochter wiederfinden, Claudia hat ein ähnliches Motiv und Adam möchte einen Weg finden, den ewigen Kreislauf des Leids zu durchbrechen. Eva möchte die Welt erhalten. Das rechtfertigt ihre Taten natürlich nicht, macht sie aber menschlicher als ein Overlord, der die Weltherrschaft übernehmen will, weil man das eben so macht als Bösewicht. Bei Dark weiß man nie, wer auf der „guten“ und wer auf der „bösen“ Seite steht, einfach weil so etwas nicht existiert. Ist es denn eine noble Motivation, die beiden Welten erhalten zu wollen, obwohl die Apokalypse unaufhaltbar ist? Im Gegensatz zu Eva hat Adam jede Hoffnung auf Rettung verloren. Er wirkt wie ein empathieloser Soziopath, aus seiner Sicht tut er jedoch das Richtige. Und vielleicht ist es das auch. Die Serie lässt uns bis zum Schluss im Dunkeln.

Ich kann Dark auf jeden Fall empfehlen. Die Geschichte ist ein Meisterwerk in Sachen Storytelling und die Charaktere sind wahnsinnig gut geschrieben. Und dann ist es auch noch eine deutsche Serie, wer hätte das gedacht?

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